Pressestimmen
20.10.06
Ideenschmiede für das Jahr 2020
Spektrum der Wissenschaft
Verpackungsmaterialien - für Schüler ein ödes Thema? Die jungen Menschen, die auf der "Zukunftsmesse 2020" einem staunenden Publikum neueste Produkte und Trends in Sachen Karton und Papier präsentieren, wirken gar nicht gelangweilt, sondern höchst engagiert, ja begeistert von ihren Ideen. Sie reden von Lotuseffekten, die Wasser und Schmutz abweisende Oberflächen schaffen. Sie preisen neuartige Polymere an, die Verpackungen zugleich haltbarer und schmiegsamer machen. Sie werben sogar für Medikamentenschachteln, denen man sogleich ansieht, ob der Inhalt alt geworden ist: Mit Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums schlägt die Farbe um.
Vor einer Woche waren die hier vortragenden 28 Businessmänner und -frauen noch ganz normale Zwölftklässler am Werner-Heisenberg-Gymnasium in Bad Dürkheim. Seit fünf Tagen aber versetzen sie sich in die Rolle von Managern, Industrieforschern und Verkaufsspezialisten - und ins Jahr 2020. Als sie am letzten Tag dieses Ausflugs in die Zukunft leitenden Mitarbeitern des gastgebenden Unternehmens ihre visionären Produkte für den Verbraucher von morgen recht selbstsicher vorstellen, erhebt sich unter den fachkundigen Zuhörern so manches Mal ein Raunen.
Die im mehrfachen Sinn packende Veranstaltung fand vom 3. bis 7. Juli bei der BASF AG in Ludwigshafen mit den Schülern der Leistungskurse Chemie und Sozialkunde statt. Und sie war nicht die erste ihrer Art. Das Chemieunternehmen trug probeweise schon im Frühjahr 2004 erste Planspiele dieser Art aus. Im September 2004 startete das Projekt Jugend denkt Zukunft in der Rhein-Neckar-Region offiziell. Mittlerweile läuft es bundesweit. Jugendliche sollen bei diesen Strategiespielen einen Eindruck davon gewinnen, wie im Wirtschaftsalltag der Weg von der Idee bis zu deren Verwirklichung und der Vermarktung des neuen Produkts verläuft. Es kann in der kurzen Zeit nicht um handfeste Erfindungen, um "große" Wissenschaft, um fertige Konzepte für neue Dienstleistungen gehen. Im Vordergrund steht vielmehr die Erfahrung, was alles erforderlich ist, um eine Vision umzusetzen. "Eine gute Erfindung kann nur zur echten Innovation werden, wenn sie auch zum Erfolg führt", sagt Eckard Hilgemann, Leiter der BASF-Geschäftseinheit Paper Industry Europe.
Ein erklärtes Ziel solcher Planspiele ist aber auch, den Erfindergeist zu fördern und das Interesse an Technologie, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Innovationen zu wecken. Zugleich sollen die Jugendlichen Betriebsluft schnuppern, Branchen kennen lernen und vor Ort im Austausch mit Angestellten des Unternehmens erfahren, welcher Schritte und Überlegungen es bedarf, um eine Neuheit auf den Markt zu bringen.
Ganz in diesem Sinn begann die Projektwoche bei der BASF damit, gesellschaftliche Megatrends auszuarbeiten. Es galt, die Entwicklung der Bevölkerungsstrukturen zu beobachten und Effekte der Globalisierung zu bewerten. So tasteten sich die Jugendlichen an den Themenkreis heran, wie der Käufer der Zukunft aussehen könnte und welche Ansprüche an Papierverpackungen er in zehn oder zwanzig Jahren vermutlich stellen wird.
Neben all der Theorie kam auch das praktische Arbeiten nicht zu kurz: Der dritte Tag stand ganz im Zeichen der Papier- und Kartonfertigung. Beim Experimentieren im hauseigenen Xplore-Schülerlabor machten die Teilnehmer eigene Erfahrungen damit, wie verschiedene Polymere und Leimungsmittel die Qualität eines Produkts verändern.
"Ich hätte nie gedacht, dass im Papier so viel Wissen und Chemie steckt", gibt die 18-jährige Sarah Guth zu und nennt ein Beispiel: "Ohne Leimungsmittel haben wir regelrechtes Löschpapier erhalten, da kann ja kein Mensch drauf schreiben." Den Praxistag rundete eine Liveschaltung zur westfälischen Kartonfabrik Cascades Arnsberg GmbH ab, von deren Mitarbeitern sich die jungen Leute Auskunft holen durften. "Interessanterweise waren die Schüler zu diesem Zeitpunkt schon derart in ihrem neuen Element aufgegangen, dass sie ganz gezielte Fragen zu Produktions- und Entwicklungsabläufen sowie zu Kooperationspartnern und Zulieferfirmen stellten", erinnert sich Hilgemann anerkennend.
Mit dem so erarbeiteten Wissenshintergrund folgte der zweite Teil des Planspiels. Die Jugendlichen verteilten sich auf mehrere Mannschaften. Teils vertraten sie fiktive Firmen, die Verpackungsmaterialien herstellen, teils deren Zulieferer, teils ein Marketingunternehmen. Es kam jetzt auf Managementqualitäten an: darauf, zum einen innovative Ideen zu kreieren, zum anderen Strategien zu ersinnen, wie die Neuheiten am besten im Markt zu platzieren seien - und nicht zuletzt darauf, diese Strategien gegenüber den verschiedenen betrieblichen und gesellschaftlichen Interessen überzeugend zu vertreten. Wie im echten Leben erschien nun die Presse, und eine Bürgerinitiative mischte sich ein, die Umweltverträglichkeit, Verbrauchernutzen, Transparenz und dergleichen mehr einforderte. Wie an den ersten Arbeitstagen schon gaben BASF-Mitarbeiter in dieser Phase immer wieder Rückmeldungen und machten auch Verbesserungsvorschläge. Das Ganze mündete in die "Zukunftsmesse 2020", die Präsentationsveranstaltung am letzten Tag. Ganz im Vokabular der Profis skizzierten die "Jungmanager" ihre Projekte und Ziele.
Unternehmensluft schnuppern
"Der grundsätzliche Ablauf der Planspiele ist immer gleich", sagt Anette Henrich, die als Mitarbeiterin der Geschäftsstelle Jugend denkt Zukunft die Schülergruppe begleitete. "Und doch ist jede Projektwoche immer wieder neu und verschieden - so verschieden eben wie die teilnehmenden Schülergruppen und die Firmen, bei denen das Spiel stattfindet." Längst haben sich zum Vorreiter BASF bundesweit rund 2ßß weitere Paten gesellt: Firmen und andere Anbieter, die das Projekt oft, aber nicht zwangsweise, in ihren Räumlichkeiten durchführen. Nicht immer geht es um Themen aus Naturwissenschaft und Technik. Je nach Branche des Gastgebers spielen die Schüler hier eine Produktentwicklung in Wissenschaft und Technik durch, dort fuchsen sie sich ins Bank- und Finanzwesen ein, woanders arbeiten sie bei einer Zeitung oder gestalten sogar die Schule der Zukunft. "Und am Ende", so Henrich, "bin ich jedes Mal aufs Neue erstaunt darüber, wie die Jugendlichen nach nur fünf Tagen beginnen, in den Dimensionen der Unternehmer zu denken und in ihre neuen Rollen zu schlüpfen."
"Die Woche bei der BASF hat mir viel mehr gebracht als der normale Schulunterricht", meint Maximilian Wagner. "Da sieht man einfach mal, wie die verschiedenen Bereiche ineinandergreifen und wozu alles gut ist." Und Andreas Graf, der zusammen mit Maximilian zur Marketinggruppe gehörte, ergänzt: "Vor allem was die Präsentation betrifft, habe ich viel dazugelernt."
Auch die Chemielehrerin Andrea Wagner zeigte sich mit der Projektwoche äußerst zufrieden. "Außerhalb des normalen Unterrichts arbeiten die Jugendlichen ganz anders, und es treten völlig neue Talente hervor", resümiert sie und bedauert: "Diese Mischung aus Freiheit, praktischem Arbeiten und fächerübergreifendem Denken können wir im normalen Unterricht leider nicht bieten." Gerade das interdisziplinäre Arbeiten sei enorm wichtig. Daher ist die Lehrerin auch angetan von der Idee, das PRojekt gleichzeitig mit Schülern aus den Chemie- und Sozialkunde-Leistungskursen durchzuführen - was auf eine Anregung der BASF-Mitarbeiter zurückging.
Letztlich profitieren von der Projektwoche nicht nur die Schüler, sondern auch die Firmen. "Die Jugendlichen sind in ihrer Denkweise viel offener als wir und haben daher manchmal Ideen, auf die wir nicht gekommen wären", verrät Hilgemann. Manches Planspiel hat bereits Früchte getragen. So eröffnete die Volksbank Rhein-Neckar eG im Februar dieses Jahres ihre erste Jugendfiliale - gestaltet in Zusammenarbeit mit Neunklässlern einer Mannheimer Realschule. Und der "Bergsträßer Anzeiger" wurde als Ergebnis einer Projektwoche um eine Jugendredaktion mit eigener Seite bereichert.
"Es ist toll, wenn die Jugendlichen sehen, dass ihr Input gefragt ist und dass es sich lohnt, sich Gedanken zu machen", merkt Lehrerin Wagner begeistert an. Sie freut sich, dass die Arbeit ihrer Schüler in dem Betrieb nicht einfach verpufft. "Einige der Ideen habe ich mir bereits notiert", verrät Hilgemann und klopft mit dem Kugelschreiber auf sein Notizbuch. "Die Idee mit dem Indikatorfarbstoff für Medikamentenverpackungen ist absolut denial, darüber müssen wir unbedingt mal genauer nachdenken." Damit nicht genug. In seiner Rede zum Abschluss des Projekts zieht er für die 28 Jungen und Mädchen noch eine echte Überraschung aus dem Ärmel: Zehn von ihnen werden in diesem Herbst am Workshop "pack.it2006" teilnehmen. Bei dieser Veranstaltung suchen Mitarbeiter aus verschiedenen Firmenbereichen der BASF, die Werkstoffe für die Verpackungsindustrie herstellen, den Dialog mit Kunden, und gemeinsam macht man sich Gedanken über Trends und Möglichkeiten der Branche. "Wir planen, 80 Jugendliche zu einem Kreativworkshop einzuladen, und wünschen uns, dass ihr auch dabei seid und eure Ideen einbringt", verkündet Hilgemann. Und dass die Bad Dürkheimer Visionen strategisch geschickt entwickeln und professionell präsentieren können, haben sie ja bereits unter Beweis gestellt.
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